A5

Zeitschrift "Science et Vie" vom Mai 1965, Seiten 114-118:

Robert Clarke
"Krebs: Die unglaubliche Geschichte Priore"
Es ist viel zu früh, um den wirklichen wissenschaftlichen Wert und die eventuelle Tragweite einer elektromagnetischen Behandlung beurteilen zu können, mit welcher Herr Antoine Priore, ein Elektronikingenieur aus Bordeaux, hundertprozentige Heilungen von Krebstumoren erzielt, die auf Ratten und Mäusen transplantiert wurden.

Jedoch selbst ohne endgültige Beurteilung ist die "Affäre Priore" trotzdem von jener Art, daß sie erzählt werden muß. Sie beleuchtet nämlich einen bestimmten Aspekt der Welt der Wissenschaft in Frankreich. Ohne Parteinahme erschien es uns dabei wichtig, daß hier die ersten Entwicklungen dieser Affäre beschrieben werden. Wir haben demzufolge unseren Journalisten-Kollegen, Herrn Robert Clarke gebeten, in seiner Eigenschaft als Wissenschaftsjournalist der größten Pariser Tageszeitung und gleichzeitig allen Fernsehzuschauern sehr wohl bekannt unseren Lesern über die von ihm durchgeführten Nachforschungen zu berichten.


Warum "Affäre Priore"? Wie könnte man dieselbe auch anders bezeichnen, welche die Wissenschaftler im Hinblick auf die Authenzität von Fakten in zwei getrennte Lager teilt. Die Fakten derselben wurden dabei in Form von drei Mitteilungen an die Akademie der Wissenschaften vorgetragen und zwar sogar noch von dem Dauersekretär ebensolcher Gesellschaft selbst.

Es ist wirklich eine "Affäre" und darüber hinaus auch noch eine der merkwürdigsten, bei welcher manche Biologen offen zugeben, daß gewisse Formen von transplantierten Krebstumoren zu 100% geheilt wurden, was eine Tatsache darstellt, die von anderen Experten jedoch verneint wird. Weder die einen, noch die anderen können dabei etwas über den verursachenden physikalischen Effekt oder den biologischen stattfindenden Mechanismus irgendwelche Aussagen machen. Dabei bestehen überhaupt keine Schwierigkeiten, um die von bestimmten Personen behaupteten Resultate verifizieren zu können.

Um was handelt es sich also? Am 9. Dezember 1964 präsentierte Herr Robert Courrier vom Frankreichkollegium und Dauersekretär der Akademie der Wissenschaften einen Bericht über eine elektromagnetische Behandlung von Ratten, welche ein Transplantat mit dem Tumor T8 erhalten hatten. Dieser Bericht erschien in den Sitzungsprotokollen am Ende desselben Jahres, ohne daß dadurch in der Wissenschaftswelt das geringste Echo ausgelöst wurde. Das Interesse der Forscher richtete sich seinerzeit im wesentlichen auf gewisse Arbeiten eines Herrn Halpern.

Daraufhin erschien in den Comptes Rendus der Akademie der Wissenschaften vom 25. Februar 1965 ein zweiter Bericht über dasselbe Thema. Dieser zweite Bericht wurde jedoch diesmal zur Kenntnis genommen, nachdem ein wohlmeinender Informationsagent seinerzeit zu allen Redaktionen der Pariser Tageszeitungen gelaufen war, um die Nachricht zu verbreiten. Dies hatte zur Folge, daß die Wissenschaftsjournalisten sich zu interessieren und informieren anfingen. Sie telefonierten mit einigen Autoren der jeweiligen Veröffentlichungen, welche derartige Informationen nur bestätigen konnten. Sie kontaktieren auch befreundete Biologen und Krebsspezialisten, welche sich jedoch sofort mißtrauisch zeigten.

In einem Vorort von Bordeaux

Und was sagen die der Akademie vorgelegten Berichte? Während sie von Herrn Courrier präsentiert wurden, sind die Berichte selbst von den Herren Marcel-René Rivière (zugelassener Histologieprofessor in Rennes und Mitarbeiter vom Laboratorium für Experimentalmedizin im Krebsforschungsinstitut von Villejuif), Antoine Priore (einem Elektronikingenieur aus Bordeaux und gleichzeitig Konstrukteur des verwendeten Gerätes), Francis Berlureau (einem Veterenär der Stadt Bordeaux), Maurice Fournier (einem Mediziner aus Blaye) und Maurice Guérin unterzeichnet. Letzterer leitet dabei das Laboratorium für Experimentalmedizin in Villejuif und ist dabei auch noch weltweit für seine Arbeiten auf dem Gebiet von transplantierten Krebstumoren bekannt.

Der erste Bericht beschreibt Resultate, welche mit Ratten erzielt wurden, denen der Uterustumor T8 transplantiert wurde. Bei einer Behandlung mit elektromagnetischen Wellen wurden die Tiere zu 100% geheilt, während unbehandelte Vergleichstiere zwischen dem 22. und 30. Tag verstarben. In diesem ersten Bericht ist zusätzlich noch vermerkt, daß mit keiner anderen Methode derartige Resultate bisher erzielt werden konnten.

Der zweite Bericht enthält die Information, daß in gleicher Weise überraschende Resultate in der Größenordnung von 100% mit Ratten erzielt wurden, denen ein anderer Tumor vom Typ Lymphosarkom-Lymphoplastik transplantiert wurde. Trotz der Rätsel, welche die verwendeten elektromagnetischen Strahlung umgibt - wir werden noch darauf zurückkommen - wird diese zugegebenermaßen sensationell erscheinende Information von zwei Pariser Tageszeitungen aufgegriffen.

Am nächsten Tag, Freitag, den 26. Februar 1965 erhält eine Gruppe von Journalisten, welche bei einem Arzt in Rennes versammelt sind, neben den beiden Berichten an die französische Akademie der Wissenschaften zusätzlich noch eine nicht unterschriebene Note, welche bezüglich ihrer Formulierung ziemlich ungewöhnlich erscheint:

"Ein weiterer Bericht von höchster Wichtigkeit wird am nächsten Montag, den 1. März 1965 in der Akademie der Wissenschaften vorgelegt und erörtert werden. Es ist dies eine absolut sensationelle Mitteilung des ordentlichen Professors Marcel Rivière. Es handelt sich um ein neuartiges Verfahren bei der Behandlung von Krebs, was eine wirkliche Revolution bei der uns derzeit zur Verfügung stehenden Therapie auslösen könnte. Eine Anwendung des Verfahrens zur Behandlung von Krebs bei Menschen erscheint nämlich möglich, sobald die Leistung des verwendeten Gerätes gesteigert werden kann."

Durch rasche Verbreitung erzeugt diese Mitteilung das Interesse der Chefredakteure der Tageszeitungen, welche natürlich begeistert sind, weil sich das Thema "Krebs" beim Leser sehr gut verkauft. Gleichzeitig entsteht bei den Journalisten von Fachzeitschriften eine gewisse Enttäuschung, welche über diesen recht direkten Veröffentlichungsweg zumindest etwas erstaunt erscheinen.

Unter Berücksichtigung der außergewöhnlichen Geburtsbedingungen dieser "Affäre" erscheint es zweckmäßig, wenn man sich an Ort und Stelle informiert. Sonderberichterstatter reisen demzufolge nach Floirac, einen Vorort von Bordeaux, wo sich das Wissenschaftslaboratorium des Herrn Priore befindet. Es ist jener Ort, wo die Mäuse und Ratten ihre elektromagnetische Bestrahlung erhalten hatten.

In einem kleinen unscheinbaren Gebäude findet sich ein vollkommen verschreckter Mensch. Der erste Satz, mit welchem er die Sonderberichterstatter empfängt, lautet: "Welches Unglück, man wird mich für einen wiederauferstandenen Naessens halten!"

Herr Priore ist 52 Jahre alt. Er ist gebürtiger Italiener, was man an seiner Aussprache erkennt. Mit einem Elektronikdiplom aus seinem Herkunftsland lebt er seit der Befreiung nunmehr in Frankreich. In seinem Entsetzen griff Herr Priore die erste Idee auf, welche ihm in den Kopf kam. Da er die Polizisten von Bordeaux sehr gut kennt, bittet er dieselben, daß sie ihn gegenüber einer zu lauten Publizität in Schutz nehmen sollte. Die geplante Pressekonferenz wird demzufolge in den Räumen der Kriminalpolizei von Bordeaux anberaumt, was die Journalisten von der Pariser Tagespresse, welche sicherlich schon einige merkwürdige Dinge in ihrem Leben erlebt haben, ein wenig in Erstaunen versetzt.

Bei dieser Pressekonferenz macht Herr Priore seinen Mund fast überhaupt nicht auf. Er übergibt einzig und allein einen vorbereiteten Text und überläßt es seinem Veterenärfreund Dr. Berlureau, daß er darüber berichtet, wie sie gemeinsam seit 1950 die Wirkungen verschiedener elektrischer und magnetischer Felder auf Gewebeproben aus den Schlachthöfen von Bordeaux überprüft hätten, worauf sie auf die Heilung von Krebs bei lebenden Tieren übergegangen seien, nachdem sie ursprünglich an Problemen bei der Sterilisation von Gemüse gearbeitet haben.

Im Rahmen von weiteren Ermittlungen innerhalb der Stadt Bordeaux können die anwesenden Journalisten noch in Erfahrung bringen, daß Herr Priore mit seinem Gerät auch schon Krebs bei Menschen behandelt habe, ohne allerdings dabei positive Resultate zu erzielen. Es wird schließlich noch bekannt, daß Priore vor etwa drei Jahren bei der Stadtverwaltung von Bordeaux eine Subvention von drei Milliarden alten französischen Franken beantragt hatte.

Um über die Vergabe einer derartigen Subvention zu entscheiden, trat seinerzeit während eines Vormittags im Jahre 1962 in Bordeaux eine Kommission zusammen. Dieselbe faßte jedoch den Beschluß, daß die Arbeiten von Herrn Priore keine derartige Subvention verdienen würden. Innerhalb dieser Kommission befanden sich seinerzeit Dr. Courtial, Leiter der Curie-Stiftung in Paris, sowie die Herren Reboul und Dachapèle aus Bordeaux. Das Gutachten an die Behörden wurde zu dem damaligen Zeitpunkt von dem Dekan der Medizinischen Fakultät von Bordeaux, Herrn Tayean, überreicht.

Auf dieses Gutachten hin weigern sich bis heute eine Reihe bekannter Krebsspezialisten in Paris, daß sie die Arbeiten von Herrn Priore überhaupt ernstnehmen.

Mit welchen Mitteln arbeitet Herr Priore? Er verweigert den Zugang zu seinem Labor und will auch den elektrischen Schaltplan seines Geräts, welche jene elektromagnetischen Felder erzeugt, denen die krebsbefallenen Tiere ausgesetzt wurden, nicht preisgeben.

Die einzigen bekannten Elemente, welche das vorhandene Rätsel irgendwie erklären könnten, sind ein französische Patent, welches am 1. Juni 1962 eingereicht und am 7. Oktober 1963 unter der Nummer 1 342 772 erteilt wurde, sowie die verschiedenen Berichte an die französische Akademie der Wissenschaften in Paris.

Die geteilten Lager innerhalb der Akademie der Wissenschaften

Die vorliegende Patentschrift wurde von Physikern studiert, unter ihnen auch von Herrn Rochard, welcher das Physiklabor der "École Normale Superieure" leitet. Man versteht diese Patentschrift nicht. Manche Physiker bezweifeln sogar, daß nach einer derart undurchschaubaren und teilweise unverständlichen Beschreibung mit erheblichen Mängeln ein funktionsfähiges technisches Gerät gebaut werden könne.

Mit Ungeduld wird somit die nächste Sitzung der Akademie der Wissenschaften am Montag den 1. März 1965 erwartet. Sowohl die Befürworter als auch die Gegner erhoffen sich davon eine Klärung der vorhandenen Situation.

Während bei diesen wöchentlich stattfindenden Akademiesitzungen normalerweise nur die Geräusche von Einzelgesprächen zu vernehmen sind, ist diesmal die große Menge von Festlichkeiten vorhanden - mit Fernsehen, Fotografen und einer ungewöhnlichen Anzahl von neugierigen Personen aus professionellen und nichtprofessionellen Kreisen.

Herr Robert Courrier stellt sich an das Mikrophon:
"Ich möchte hiermit mündlich einen dritten Bericht präsentieren. Derselbe betrifft eine Form von Leukämieturmor, welcher auf Mäuse transplantiert wurde. Die elektromagnetische Behandlung von Herrn Priore hat an diesen Tieren ebenfalls überzeugende Resultate geliefert."

Auf diese Worte hin projeziert Herr Courrier Diapositive, welche zum Teil die Tiere selbst, zum Teil histologische Schnitte mit den sehr spektakulären Unterschieden zwischen den unbehandelten Vergleichstieren und ihren leicht erkennbaren Tumoren und den behandelten Tieren zeigen, bei welchen jede Spur des Krebs verschwunden ist.

Herr Courier gibt zu, daß derartige Resultate überraschend erscheinen:
"Diese Resultate mögen Skeptizismus hervorrufen. Das Neue ist immer suspekt. Aber bevor eine allgemeine Verdammung vorgenommen wird, muß man diese Resultate überprüfen. Im Auftrag von Herrn Rivière habe ich genau dieses gemacht. Ich habe eine Assistentin meines Laboratoriums, Frau Colonge, nach Bordeaux geschickt. Sie hat dabei 18 Ratten mitgenommen, welche am 25. Januar 1965 mit dem Lymphosarkom 347 infiziert worden waren. Zehn Ratten dienten dabei als unbehandelte Vergleichstiere, vier Ratten wurden täglich jeweils eine Stunde bestrahlt, während vier Ratten jeweils zwei Stunden bestrahlt wurden.
Die Versuchsreihe wurde am 30. Januar 1965 begonnen. Meine Assistentin war die einzige Person, welche während der gesamten Dauer der Untersuchungen mit den Tieren in Berührung kam. Dieselben wurden in Käfigen gehalten, welche während der Nacht im Laboratorium von Herrn Pautrizel an der Medizinischen Fakultät von Bordeaux unter Verschluß gehalten wurden. Jeden Morgen wurden alle Ratten nach Floirac gebracht. Die Behandlung der acht Versuchstiere in dem Gerät erfolgte unter permanenter Beaufsichtigung von Frau Cologne.
Hier sind die erzielten Resultate: Am 9. Februar, 15 Tage nach der Transplantation stirbt die letzte der Vergleichsratten. Am 13. Februar stirbt die letzte der vier Ratten, welche täglich jeweils eine Stunde bestrahlt wurden. Die vier Ratten hingegen, welche täglich zwei Stunden bestrahlt wurden, sind bei guter Gesundheit. Sie befinden sich jetzt in meinem Laboratorium vom Frankreichkollegium. Es handelt sich dabei um vier Weibchen, deren Vaginalzyklus nicht gestört wurde."

Soweit ist alles klar. Aber Herr Courrier weiß sehr wohl, daß eine ganze Reihe seiner Kollegen sowohl in der Akademie selbst als auch andere Biologen teils öffentlich, teils privat Zweifel bezüglich der Realität seiner Untersuchungen haben.

Herr Courrier fährt demzufolge fort:
"Diese Resultate werden Diskussionen auslösen, was durchaus wünschenswert erscheint. Ich habe demzufolge zugestimmt, daß diese Berichte aus zwei Gründen hier präsentiert wurden:
Erstens - wenn es sich um ein derart gravierendes Problem wie Krebs handelt und ein leichtes Morgenrot an Horizont erscheint, dann ergibt sich die allgemeine Pflicht, daß untersucht wird, aus was dieses Morgenrot besteht. Man hat nicht das Recht, dasselbe wieder um Erlöschen zu bringen, bevor man seinen eventuellen Wert nicht erkannt hat.
"Zweitens - unter den Autoren dieser Berichte befinden sich zwei, welche ich persönlich ganz besonders gut kenne. Es sind dies die Herren Guérin und Rivière. Es handelt sich dabei um vollkommen integere, bescheidene und objektive Krebsforscher, welche nicht leichtfertig etwas vorbringen. Ihre bisherigen Arbeiten sind dabei allgemein bekannt und geschätzt. In der Vergangenheit haben sie gute Resultate erzielt. Darüber hinaus können die nunmehr vorgelegten Untersuchungen auch noch sehr leicht überprüft werden. Meine Mitarbeiterin hat eine derselben mit Erfolg wiederholt."


Herr Courrier weiß jedoch auch, daß die Dunkelheit, welche die Gerätschaft zur Erzeugung der elektromagnetischen Wellen umgibt, eines jener Elemente darstellt, welches eine Diskussion auslöst. Herr Courrier führt demzufolge fort:
"Das Gerät von Herrn Priore wurde von einigen Physikern bereits überprüft. Man hat festgestellt, daß dasselbe sehr kompliziert gebaut ist. So etwas mag durchaus zutreffend sein. Aber die Herren Guérin und Rivière haben mit demselben Resultate erzielt, welche veröffentlicht werden müssen. Was für eine Strahlung wird von einem derartigen Gerät abgegeben?
Ich hoffe, daß Herr Priore seine Zustimmung geben wird, daß objektive Physiker nach eigenen Wünschen die in Floirac vorhandene Gerätschaft untersuchen dürfen, weil die Wissenschaft wohl kaum Gerätschaften tolerieren wird, die von einem Rätsel umgeben sind.
Dabei erscheint es absolut erforderlich zu sein, daß mehrere Geräte dieser Art konstruiert werden, um die Versuche bei der Behandlung von Krebs mit Tieren vervielfachen zu können. Dabei kann es überhaupt keine Frage sein, daß bereits zum jetzigen Zeitpunkt irgendwelche Behandlungen an Menschen vorgenommen werden."


Nachdem Herr Trèfouel, der ehemalige Direktor des Pasteurinstituts und derzeitiger Präsident der Akademie der Wissenschaften, Herrn Courrier für seinen Mut beglückwünscht hatte, verlangte Herr Antoine Lacassagne das Wort. Als ehemaliger Direktor des Radiuminstituts ist Herrn Lacassagne ein sehr bekannter Krebsforscher, welcher für seine Forschungen bezüglich der Rolle von Hormonen weltweit anerkannt ist. Herr Lacassagne führt aus:

"Ist es sicher, daß die uns präsentierten Untersuchungen sich von vielfachen Untersuchungen unterscheiden, die in der Vergangenheit bereits durchgeführt wurden? Ich bin überrascht, daß ich nichts genaues über das verwendete Verfahren lesen konnte. Man darf niemals vergessen, daß man unter bestimmten Bedingungen transplantierten Krebs zur Regression bringen kann. Falls dieser Bericht veröffentlicht werden sollte, dann verlange ich, daß entsprechende Bedenken meinerseits gleichzeitig mitveröffentlicht werden. Ich halte es nämlich für sehr gefährlich, wenn derart bestätigende Resultate veröffentlicht werden, solange sie nicht verifiziert werden konnten. Wir dürfen nicht zu irgendwelchen Schlußfolgerungen gelangen, welche ich persönlich als leichtfertig erachte."

Daraufhin verließ Herr Lacassagne den Sitzungssaal. In den Gängen der Akademie bildete die "Affäre" den Gegenstand aller Gespräche:
"Also, lieber Freund, sind sie dafür oder dagegen?"

Während der ganzen darauffolgenden Woche bildete dies ebenfalls den Großteil aller Gespräche in den verschiedensten wissenschaftlichen Gruppierungen von Paris. Langsam wurde dieser Zustand jedoch störend. Die Debatte mußte zu Ende gebracht werden. Man war der Auffassung, daß die Akademie dies tuen müsse, weil die "Affäre" dort begann und weil auch die Veröffentlichungen in ihren Comptes Rendus erfolgte.

Jedoch nichts dergleichen geschah! Einige Akademiemitglieder schlugen vor, daß eine aus Biologen und Physikern bestehende Kommission nach Bordeaux reisen sollte, um einerseits bezüglich der Gerätschaft von Herrn Priore Klarheit zu schaffen und um andererseits ein Protokoll für durchzuführende weitere Untersuchungen aufstellen zu können.

Aber selbst dieser Vorschlag wurde nicht eingehender diskutiert. Zu keinem Zeitpunkt wurde die "Affäre" in der Akademie erörtert, weder bei einer öffentlichen Sitzung, noch in einer Geheimverhandlung. Einige Personen waren darüber sehr erstaunt. Andere erinnern an die jüngere Vergangenheit der Akademie, welche nicht die geringsten Veränderungen an ihren Traditionen vornehmen will und welche demzufolge ihre verfilzte Atmosphäre beibehält, die sie außerhalb jeglicher Auseinandersetzung hält.

Ein ausländischer Wissenschaftler, welcher sich zufällig während dieser Tage in Paris befand, brachte zum Ausdruck:
"Ich kann nicht verstehen, daß eine Veröffentlichung vor der höchsten wissenschaftlichen Instanz Frankreichs und noch dazu von einem der wichtigsten seiner Mitglieder öffentlich in Zweifel gestellt wird, ohne daß dies zu irgendwelchen Reaktionen führt. Ich weiß sehr wohl - die Zeiten eines Duells sind lange vorbei! Aber an der Stelle der Autoren oder des Vortragenden des diskutierten Berichts wäre ich sehr wütend. Und ich würde nicht aufhören, meine Widersacher überzeugen zu wollen, selbst unter Berücksichtigung der anfallenden Kosten einer Bahnreise nach Bordeaux."

Anläßlich der folgenden Sitzung der Akademie ist zu erfahren, daß die Akademieverwaltung die Auffassung vertritt, daß es nicht Aufgabe ihrer Gesellschaft sei, daß Überprüfungen durchgeführt werden, welche auf Behauptungen von bestimmten Personen beruhen, die im Rahmen von Untersuchungen in Bordeaux gemacht wurden.

Scharlatan oder Genie?

Die Akademiemitglieder vertreten dabei die Auffassung, daß dies die Aufgabe der Generaldelegation der Wissenschafts- und Technikforschung sei. Diese D.G.R.S.T verfüge dabei auch über die erforderlichen Mittel, welche es beispielsweise ermöglichen könnten, daß die nicht transportable Gerätschaft des Herrn Priore in Villejuif neu rekonstruiert wird.

Die Verantwortlichen der D.G.R.S.T. sind über dieses Danaergeschenk jedoch keineswegs erbaut. Sie empfinden dasselbe als eher ärgerlich. Sie bringen dabei zum Ausdruck:
"Wir würden die Möglichkeiten einer derartigen Vorgehensweise sehr gern überprüfen, unter der Voraussetzung allerdings, daß Herr Courrier uns einen detaillierten Bericht zukommen läßt, welcher die gemachten Untersuchungen im einzelnen erläutert. Diese Akte würde dann unseren Experten vorgelegt werden, worauf wir in der Folge eine Entscheidung treffen würden."

Derzeit befindet sich die "Affäre" in diesem Stadium. Viele denken, daß sie in diesem Zustand für lange Zeiten verharren wird. Denn diese 1 Million von französischen Franken, welche für eine Rekonstruktion des Priore-Gerätes in Villejiuf erforderlich wären, werden von der D.G.R.S.T. nur dann freigegeben, wenn eine günstige Beurteilung der Forschungsabteilung "Krebs" vorliegen sollte. Der Vorsitzende dieser Abteilung ist aber ... der Herr Lacassagne!

Trotzdem wäre es wohl besser, wenn man rasch wüßte, an was man sich halten kann. Soll man Herrn Priore unter jene Menschen einreihen, welche sich getäuscht haben, als sie eine neue biologische Eigenschaft mit elektrischen oder magnetischen Feldern entdeckt zu haben glaubten? Oder ist Herr Priore ein Bastler, welcher durch Zufall oder möglicherweise aufgrund seines Genies etwas gefunden haben sollte?

Weil kein Physiker im Auftrag einer französischen wissenschaftlichen Institution seine Fahrkarte nach Bordeaux gelöst hatte, bleiben die vorhandenen Fragezeichen der "Affäre Priore" weiterhin bestehen. Soll man dies bedauern oder soll man sich beglückwünschen? Selbst über eine triviale Frage wie diese sind die Meinungen geteilt.

Robert Clarke
_____________________________________________________________________

Dazu noch folgende Bemerkung des Autors: Später in seinem Leben hatte Priore sich bekanntlich mit Professor Pautrizel von der Medizinischen Fakultät von Bordeaux überworfen, weil letzterer ohne es zu wollen die Bestrebungen von Priore in die falsche Richtung gelenkt hatte. Erst nach vielen Jahren stellte es sich nämlich heraus, daß - ähnlich wie in dem Film mit Curd Jürgens "Aug und Aug - Zahn um Zahn" - der von Pautrizel eingeschlagene Weg ein Weg in die Wüste wurde. Es war nämlich der ursprüngliche Wunsch von Priore gewesen, Krebs bei Menschen zu heilen, nicht Schlafkrankheit bei Mäusen!

Der dramaturgische Höhepunkt dieser "Priore-Affäre", welche Stefan Zweig sehr wohl in seine "Sternstunden der Menschheit" hätte einreihen können, bildete seinerzeit die recht dramatische Sitzung in der Akademie der Wissenschaften am Montag, den 1. März 1965. Als nämlich im Anschluß an entsprechende Pressemitteilungen der Dauersekretär der Akademie der Wissenschaften, Prof. Courrier vorne an das Mikrofon trat, um vor großem Publikum und anwesenden Leuten von Presse und Fernsehen über die äußerst erfolgreichen Kontrollmessungen mit den von Paris nach Bordeaux gesandten krebsinfizierten Ratten zu berichten, trat seinerzeit als Gegenspieler der damals bereits alternde Krebsspezialist Lacassagne auf, welcher aufgrund seiner Autorität das Zünglein an der Waage wieder in seine ursprünglichen Bahnen lenken konnte.

Acht Jahre später wird Lord Zuckerman in der Sunday Times vom 7. Januar 1973 nicht ganz ohne Häme berichten (siehe [A6]): "Professor Lacassagne has since died in his eighties, mortally affected by cancer." Aus bourbakischer Sicht klingt das beinahe so, als ob Lord Zuckerman hätte sagen wollen: "Seht, liebe Leute, dieses alte Arschloch von einem Lacassagne, am Ende wurde er doch noch von seinem Schicksal eingeholt!"

Man kann sich natürlich die Frage stellen, was gewesen wäre, wenn Professor Courrier bei dieser dramatischen Akademiesitzung vom 1. März 1965 anders aufgetreten wäre. Möglicherweise hätte er etwas massiver reagieren müssen. Da Priore nun einmal diese blendenden Kontakte zu der Kriminalpolizei von Bordeaux hatte, hätte man nicht ganz einfach eine ganze Wagenladung von diesen Bordeaux-Polizisten - bewaffnet bis an die Zähne - nach Paris herkarren und in den oberen Rängen des Sitzungssaales der Akademie der Wissenschaften plazieren können, worauf Professor Courrier vorne am Mikrofon mit sanfter Stimme hätte verlauten können: "Chers Confrères de l'Academie des Sciences - entweder ihr kriegt Euren Arsch jetzt hoch, oder die Typen von da oben kommen herunter!" Dies hätte seinerzeit sicherlich einen riesigen Politskandal ausgelöst. Die Presse hätte ihr großes Fressen gehabt und der Jahrhundertstaub der Akademie wäre möglicherweise heruntergerieselt. Aber die Dinge für Priore wären möglicherweise etwas anders gelaufen.

Dinge passieren einmal nur dann, wenn man konkret etwas unternimmt! Leute wie Georg Elsner gibt es leider nur recht selten!

München, den 15. April 2000 Georges Bourbaki
Zurück zum Anfang