Diana und die dreizehnte Säule

I

DIANA war bei den alten Römern die Göttin der Jagd und der Fruchtbarkeit. Unter den Griechen hieß diese Göttin Arthemis. In Ephesus, einer der bedeutensten Städte Kleinasiens, war derselben ein prachtvoller Tempel geweiht. Er galt als eines der sieben Weltwunder dieser Erde.

Am 21. Juli 356 v.Chr., zufälligerweise dem Tag der Geburt von Alexander dem Großen, wurde dieser Tempel ein Opfer der Flammen. Es war mutwillige Brandstiftung. Der Täter, ein gewöhnlicher Bürger von Ephesus namens Herostratus, war sehr schnell gefaßt. Unter der Folter bekannte derselbe, daß er diese unerhörte Tat nur deshalb begangen habe, damit sein Name der Nachwelt erhalten bliebe.

Der Tempel der Arthemis wurde erneut aufgebaut, noch schöner. Die Bürger von Ephesus beschlossen jedoch seinerzeit, daß der Name des Brandstifters niemals genannt werden dürfe, damit der Wunsch des Täters nicht in Erfüllung gehe. Der griechische Geschichtsschreiber Theopompus hat sich jedoch nicht an diese Vereinbarung gehalten. Der Name des unheilvollen Brandstifters ist uns Menschen des 20. Jahrhunderts somit sehr wohl bekannt.

II

Auf die Gefahr hin, von meinen lieben Mitbürgern wegen der Verbreitung unbegründeter Verschwörungstheorien gesteinigt zu werden, soll in dem folgenden ein kleiner Beitrag zu dem recht ungewöhnlichen Verkehrsunfall gemacht werden, welcher sich am 31. August 1997 in der Straßenunterführung unterhalb der Place de l'Alma von Paris zugetragen hatte.

Trotz des Vorliegens eines mittlerweile etwa 200-seitigen Berichts der Pariser Polizei über das Unfallgeschehen und einer ziemlich beeindruckenden Computersimulation des Unfallhergangs, welcher von dem britischen Verkehrsexperten Murray Mackay durchgeführt wurde, liegen nämlich zumindest aus der Sicht des Autors einige Befunde vor, welche sich nur sehr schlecht in ein logisch konsistentes Unfallgeschehen einpassen lassen.

Ausgangspunkt für eine mögliche Argumentationskette mag dabei die Erkenntnis sein, daß Kraftfahrzeuge materielle Körper darstellen, welche ähnlich wie alle materiellen Körper der Newtonschen Mechanik unterliegen. Einer der zu beachtenden Parameter ist dabei die Eigenschaft der Massenträgheit, gemäß welcher materielle Körper die Tendenz besitzen, sich geradlinig und mit konstanter Geschwindigkeit durch den leeren Raum zu bewegen. Dieser Trend einer geradlinigen Fortbewegung ist dabei um so stärker ausgeprägt, je größer die Geschwindigkeit des betreffenden materiellen Körpers ist.

Dies führt ganz zwangsläufig zu der folgenden Frage: Wie kann ein Kraftfahrzeug, welches angeblich mit einer äußerst hohen Geschwindigkeit durch einen im wesentlichen geraden Unterführungstunnel rast, mittig gegen einen links angeordneten Stützpfeiler 13 aufprallen, ohne dabei mit dem zuvor angeordneten Stützpfeiler 12 in Berührung zu gelangen? Die Antwort darauf ist ziemlich einfach: Bei Geschwindigkeiten in der Größenordnung von mehr als 150 km/h ist dies überhaupt nicht mehr möglich, weil für eine derartige mittige Kollision eines Stützpfeilers der gegenseitige Abstand zwischen den einzelnen Stützpfeilern in der Größenordnung von etwa 5 m viel zu klein ist.

Anhand derartiger Überlegungen kann die Geschwindigkeit berechnet werden, mit welcher das betreffende Kraftfahrzeug maximal auf den Stützpfeiler 13 aufgeprallt sein kann. Diese maximale Geschwindigkeit Vmax berechnet sich dabei nach der folgenden Formel:

Vmax =

wobei rmax der maximale Krümmungsradius der Bewegungsbahn ist, entlang welchen ein etwa 2 m breites Kraftfahrzeug gerade noch an einem Stützpfeiler 12 vorbeikommt, um dann mittig auf den Stützpfeiler 13 aufzuprallen. Unter Berücksichtigung des Umstandes, daß entsprechend dem Unfallbericht (siehe beispielsweise die französische Zeitschrift "Express" vom 9. Oktober 1997 mit dem Artikel "Diana. Le dossier de la justice") eine von dem Kraftfahrzeug erzeugte Bremsspur im Bereich des 10. Stützpfeilers entlang der Mittellinie zwischen den beiden Fahrzeugspuren führt, kann dieser maximale Krümmungsradius rmax zu etwa 90 m bestimmt werden. bmax ist hingegen die maximal mögliche Querbeschleunigung, welche durch die Reibeigenschaften von Gummi gegenüber der Fahrbahn festgelegt wird. Bei trockner Fahrbahn entspricht dieser Wert bmax in etwa der Erdbeschleunigung von 10 m/s2.

Bei Verwendung dieser Daten ergibt sich für die maximal mögliche Aufprallgeschwindigkeit Vmax ein Wert von etwa 28 m/s bzw. etwas mehr als 100 km/h. Anders ausgedrückt, unter der Annahme, daß die in dem genannten Artikel vom Express angegebene Bremsspur korrekt wiedergegeben ist, kann die Aufprallgeschwindigkeit des Kraftfahrzeugs auf dem Stützpfeiler 13 nicht sehr viel mehr als etwa 100 km/h betragen haben. Einen ähnlichen Geschwindigkeitswert ergibt sich im übrigen auch anhand der Kraftfahrzeugbeschädigung. Bei Unfallsachverständigern gilt nämlich eine alte Faustregel, gemäß welcher die Tiefe einer Eindellung in einem Kraftfahrzeug - ausgedrückt in cm - in etwa der Kollisionsgeschwindigkeit in Kilometer pro Stunde entspricht. Bei dem betreffenden Kraftfahrzeug betrug die vordere Eindellung, welche durch den Stützpfeiler 13 hervorgerufen wurde, in etwa 1 m, so daß auch aufgrund dieses Umstandes auf eine maximale Aufprallgeschwindigkeit von etwa 100 km/h geschlossen werden kann.

III

Die eigentliche Frage, die sich nunmehr ergibt, ist jedoch die folgende: Wenn es schon aufgrund der in der Zeitschrift Express wiedergegebenen Bremsspur als gegeben angesehen werden muß, daß das betreffende Kraftfahrzeug im Bereich zwischen dem 8. und dem 10. Stützpfeiler in etwa mittig und geradlinig entlang der mittleren Fahrbahntrennlinie fuhr, welche Gründe können bestanden haben, daß das Kraftfahrzeug aus dieser durchaus sicheren Fahrposition heraus seitlich ausbrach, um in der Folge mittig auf den linksseitlichen Stützpfeiler 13 aufzuprallen? Folgende Möglichkeiten bieten sich dabei an:

Möglichkeit 1: Aufgrund einer Kollision mit einem anderen Kraftfahrzeug hatte die Mercedeslimousine ihre Richtungsstabilität verloren und war daraufhin auf dem linksseitigen Stützpfeiler 13 aufgeprallt. Diese Möglichkeit muß ausgeschlossen werden, weil es sich bei dem in Frage kommenden Kollisions-Kraftfahrzeug anscheinend um einen Fiat Uno handelte, welcher bei einem Eigengewicht von etwa 780 kg im Vergleich zu einem Mercedes-Benz-280S mit einem mehr als doppelt so hohem Leergewicht von etwa 1890 kg ein ausgesprochenes Leichtgewicht darstellt und somit nicht in der Lage gewesen wäre, die schwere Mercedes-Limousine von der Fahrbahn zu schubsen. Außerdem waren die kollisionsbedingten Beschädigungen am Mercedes-Benz relativ gering und die Kollision konnte allenfalls im Einfahrtsbereich des Tunnels stattgefunden haben, weil entsprechend dem Artikel in der Zeitschrift "Express" ein Teil des rechten Scheinwerfers und des rechten Außenspiegels vom Mercedes-Benz und ein Teil der Bremsleuchte vom Fiat Uno in der Höhe zwischen dem 3. und 4. Stützpfeiler gefunden wurden, was wegen den Eigengeschwindigkeiten der beiden Kraftfahrzeuge auf eine Kollision im Anfangsbereich des Tunnels schließen läßt. Das unvorhergesehene Ausscheren des Mercedes-Benz in der Höhe des 10. Stützpfeilers konnte somit nicht durch eine eventuelle leichte Kollision mit einen anderen Kraftfahrzeug verursacht worden sein.

Möglichkeit 2: Das plötzliche Ausscheren der Mercedes-Limousine in der Höhe des 10. Stützpfeilers wurde durch eine vorhandene Ölspur auf der Fahrbahn verursacht. Auch diese Möglichkeit kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden, weil eine derartige Ölspur nicht gefunden wurde und darüber hinaus Kraftfahrzeuge der gehobenen Preisklasse aufgrund elektronischer Bremshilfen auch unter ungünstigen Straßenbedingungen richtungsstabil bleiben.

Möglichkeit 3: Das seitliche Ausscheren wurde durch das plötzliche Platzen eines Reifens verursacht. Auch diese Möglichkeit schließt sich aus, weil die Reifen der Mercedes-Limousine nach dem Unfall noch alle intakt waren. Außerdem ist ein Kraftfahrzeug mit Servolenkung im Fall einer Reifenpanne selbst bei Geschwindigkeiten etwas oberhalb von 100 km/h relativ leicht richtungsstabil zu halten.

Möglichkeit 4: Im Lenkbereich des Mercedes war plötzlich ein katastrophaler Systemfehler aufgetreten. Auch diese Möglichkeit kann ausgeschlossen werden, weil mit einer Servolenkung ausgestattete Kraftfahrzeuge derart konstruiert sind, daß sie selbst beim plötzlichen Auftauchen eines gravierenden Systemfehlers im wesentlichen geradeaus weiterfahren. Im übrigen konnte zumindest bisher an dem Unfallfahrzeug kein derartiger gravierender Systemfehler gefunden werden.

Möglichkeit 5: Eine der mitfahrenden Personen hat in das Lenkrad des Fahrers mutwillig eingegriffen und dadurch das plötzliche Ausscheren des Kraftfahrzeugs hervorgerufen. Eine derartige Möglichkeit muß weitgehend auch ausgeschlossen werden, weil die in dem hinteren Fahrzeugteil befindlichen Personen anderweitig beschäftigt waren, während die rechts vorne sitzende Sicherheitsperson angeschnallt war, was ein Herübergreifen bis zum Lenkrad relativ schwierig gemacht hätte. Außerdem bestanden bei keinem der drei mitfahrenden Personen irgendwelche Gründe, um einen derartigen manuellen Eingriff in das Lenkrad des Fahrers durchführen zu wollen.

Möglichkeit 6: In der Höhe des Stützpfeilers 10 hat der Lenker des Mercedes-Benz aus einer Panikreaktion heraus einen gravierenden Lenkfehler begangen, aufgrund welchem er das Kraftfahrzeug zum Ausscheren brachte und gegen den Stützpfeiler 13 auf der linken Fahrbahnseite lenkte. Auch diese Möglichkeit einer Panikreaktion kann weitgehend ausgeschlossen werden, weil das einzige bekannte Fahrzeug vor dem Mercedes-Benz ein von Mohamed M. gelenkter Citroen BX war, welcher sich zum Zeitpunkt des Unfalls relativ weit vor der Mercedes-Limousine befand, was die Möglichkeit einer Panikreaktion des Fahrers der Mercedes-Limousine weitgehend ausschließt. Eventuell vorhandene Paparazzis auf Motorrädern hätten hingegen nur links von dem Mercedes-Benz auftauchen können, was allenfalls eine Panikreaktion mit Lenkung nach rechts zur Folge gehabt hätte.

Im übrigen wird jeder einigermaßen erfahrene Autofahrer in einer Notsituation einen Lenkvorgang in Richtung einer durchgehenden Tunnelbegrenzungswand im Vergleich zu einem Lenkvorgang in Richtung einer Reihe von Stützpfeilern aus Beton immer vorziehen, weil bei einer eventuellen Kollision mit einer Tunnelbegrenzungswand allenfalls ein Blechschaden eintritt. Ein starker Lenkausschlag in Richtung einer Wand aus eng aneinanderstehenden Betonstützpfeilern muß demzufolge als das ziemlich widersinnigste Mannöver angesehen werden, was der Lenker eines Kraftfahrzeugs nur vornehmen kann.

Es ergibt sich somit die folgende Situation: Da es im Grunde nur die zwei Alternativen gibt, daß die Mercedes-Limousine entweder in beabsichtigter oder in unbeabsichtigter Weise gegen diesen Stützpfiler Nr. 13 gelenkt wurde, und da es aufgrund der obigen Analyse ausgeschlossen werden kann, daß dieses Ansteuern des Stützpfeilers Nr. 13 in einer unbeabsichtigten Weise erfolgte, verbleibt somit nur die zweite Alternative, daß dies ein vollkommen beabsichtigter Vorgang war.

Diese auf den ersten Blick ziemlich widersinnig erscheinende Annahme eines bewußten Ansteuerns des Stützpfeiler 13 wird zum Teil durch den Umstand unterstützt, daß das Kraftfahrzeug kurz vor der Kollision einen nicht zu vernachlässigenden Drehimpuls besessen haben mußte, welcher durch den mittigen Aufprall auf den Stützpfeiler 13 nicht zu neutralisieren war, so daß das Kraftfahrzeug trotz einer etwa 1 m tiefen Umklammerung des Stützpfeilers in einer ziemlich überraschenden Weise davon wieder freikam und unter Durchführung einer Rotation um mindestens 180° in Richtung der gegenüberliegenden Tunnelbegrenzungswand schleuderte und daselbst zum Stillstand kam. Dieser vorhandene Drehimpuls des Kraftfahrzeug muß dabei als Hinweis gewertet werden,

- daß die innerhalb des Kraftfahrzeugs befindlichen Personen bereits vor dem Aufprall ganz erheblichen Zentrifugalkräften ausgesetzt waren, und

- daß das Lenkrad des Kraftfahrzeugs gegen die bei jedem Kraftfahrzeug auftretenden Lenkradrückstellkräfte in einer weitgehend eingeschlagenen Lenkradposition gehalten worden war.

IV

Wenn man diesen Gedanken eines bewußten Ansteuern des Stützpfeilers 13 weiterverfolgt, dann werden plötzlich einige Dinge verständlich, welche bisher nicht so recht in das Gesamtbild hineinzupassen waren:

- Es wird verständlich, warum der Lenker des Kraftfahrzeugs, Herr Henry Paul, trotz generellem Trinkverbot zwischen 1,7 und 1,9 %o Alkohol im Blut hatte. Er mußte sich nämlich für die geplante Aktion erst Mut antrinken.

- Es wird verständlich, warum der Lenker des Kraftfahrzeugs selbst nach Mitternacht nichts im Magen hatte, was insbesondere bei einem Franzosen und Angestellten des Hotel Ritz mit all seinen Essensmöglichkeiten äußerst merkwürdig erscheint. Von Personen, welche beabsichtigen Selbstmord zu begehen, kann im allgemeinen jedoch angenommen werden, daß sie keinen besonderen Appetit besitzen.

- Es wird verständlich, warum der Fahrer für die geplante Fahrt nicht die kürzere und elegantere Route über die Champs Elysées, sondern die längere, weniger attraktive Route entlang der Quais der Seine gewählt hatte. Allein entlang dieser Strecke waren nämlich die für diese Aktion geeigneten Stützpfeiler aus Beton vorhanden.

- Es wird ebenfalls verständlich, warum Herr Henry Paul den wartenden Paparazzi anscheinend bereits zuvor die ungefähre Abfahrtszeit und die genaue Fahrtroute mitgeteilt hatte. Für die geplante rasante Fahrt durch die Tunnels entlang der Seine war nämlich eine Verfolgung durch Paparazzi absolut erforderlich. Im übrigen sollte das Ereignis wahrscheinlich auch hinreichend dokumentiert werden.

- Es wird auch noch verständlich, warum Henry Paul als Fahrer des Mercedes-Benz nach einer geringfügigen Kollision mit einem Fiat Uno im Einfahrbereich des Tunnels nicht wie eigentlich zu erwarten angehalten hatte, um Versicherungsdaten auszutauschen, sondern herunterschaltete und unter Fahrerflucht wie wild weiterfuhr: Die kleine Kollision mit dem Fiat Uno war letztlich überhaupt nicht vorgesehen gewesen und hätte den ursprünglichen Plan beinahe noch zum Platzen gebracht. Nur durch rücksichtsloses Davonpreschen ließ sich der ursprüngliche Plan dann doch noch realisieren.

- Es wird schließlich verständlich, warum der einzige Überlebende des Unfalls, Herr Trevor Rees-Jones, sich nach seiner Genesung an den Unfallablauf überhaupt nicht erinnern kann. In dem vorliegenden Fall gibt es nämlich nichts zu erinnern, es sei denn der Umstand, daß zwischen dem 10. und 13. Stützpfeiler d.h. innerhalb eines Zeitraums von weniger als 1 s die seitlich stehenden Stützpfeiler sich in einer nicht so ganz verständlichen Art und Weise plötzlich in Richtung der Mercedes-Limousine zubewegten, was jedoch wegen der Kürze des Zeitintervalles zu keinen bleibenden Erinnerungseindrücken geführt hatte.

- Abschließend mag es eventuell noch verständlich erscheinen, warum der betreffende Mercedes-Benz ausgerechnet an dem 13. seitlichen Stützpfeiler des Unterführungstunnels unterhalb der Place de l'Alma aufgeprallt war. Zugegebenermaßen, so etwas mag ein blöder Zufall gewesen sein. Aber für jemand, welcher möglicherweise bereits über Jahre hinweg unter einem Selbstmordtrauma leidet, mag das Mitzählen von Betonpfeilern u.U. zu einer Art Gewohnheitsübung geworden sein.

V

Der Ablauf der ganzen Tragödie scheint somit einer gewissen Revision zu bedürfen.

Der Fahrer der Mercedes-Limousine, Herr Henry Paul, hatte wohl ein etwas verpfuschtes Leben hinter sich. Am Ende hatte man zwar einen etwas besseren "Nachtwächterposten" in einem der großen Pariser Hotels ergattert. Aber richtig toll war dies eben nicht. Vor allem, wenn man tagtäglich zusehen mußte, wie die wirklich vornehmen Herrschaften ihre Zeit verbringen durften. Also lebte man so dahin, bürgerlich angenehm und eng, aber letztlich unzufrieden. Und eines Tages fing das mit dem Alkohol an. Dies brachte schon der Beruf mit sich und die Langweile. Und wie das so mit dem Trinken geht, zuerst sind es nur ein oder zwei Glas, dann werden ein paar zusätzliche draufgesetzt und am Ende ist es eine ganze Flasche. Und dann war da noch diese blöde Sache mit den Depressionen. Am Anfang nahm man dieselben nur am Rande wahr, aber dieselben wurden im Laufe der Zeit immer störender und intensiver. Der Alkohol machte die Sache auch nicht besser, nur daß dabei am nächsten Tag zusätzlich noch eine schwere Birne herauskam. Da es so nicht weitergehen konnte, beschloß man eines Tages, daß man mit dem Alkohol aufhören müsse, und machte eine Entziehungskur. Aber das brachte am Ende auch nichts, nur daß die Depressionen noch bösartiger wurden. Also fraß man Tabletten und kehrte reumütig zum Alkohol wieder zurück. Und irgendwann hatte man diese Sache derart leid - die Freundin war mittlerweile auch über alle Berge -, daß man mit der Fliegerei anfing. Am Anfang war dies ganz toll, diese Freiheit über allen Wolken. Aber mit der Zeit ließ auch diese Freude nach, so daß man sich fragen mußte, was man da oben eigentlich zu suchen hatte. Bis man eines Tages erkennen mußte, daß diese Fliegerei so etwas wie ein Selbstmord auf Raten war, so eine Art von russischem Roulette mit einem Propeller vorne dran. Also fing man an, über dieses Thema eines möglichen Abgangs nachzudenken. Zuerst nur im Spaß, jedoch im Laufe der Zeit immer intensiver. Die richtige Gelegenheit dazu hatte sich allerdings noch nicht gefunden. Zugegebenermaßen war da auch ein wenig Feigheit mit im Spiel, denn so ganz allein ist eine derartige Reise ins Ungewisse nicht besonders lustig.

Und da - eines abends, da kam dieser Telefonanruf auf dem Handy. Den Schichtdienst hatte man bereits hinter sich und war auf dem etwas mühsamen Weg nach Hause. Zwei Drinks hatte man schon hinter die Binde gekippt, so aus alter Gewohnheit und weil man danach etwas besser schlafen konnte. Am Telefon hieß es dann aber, man solle doch möglichst umgehend wieder zurück ins Ritz, hohe Herrschaften würden gerade dinieren und ich sollte dieselben möglichst unauffällig danach wieder nach Hause fahren. Was sollte ich also tun? Ich stürmte los, um zu Diensten zu sein. Aber auf dem Weg dorthin durchzuckte es plötzlich meinen Kopf: Hoppla, das wäre doch heute die lang erwartete, lang ersehnte ideale Gelegenheit. Heute könnte ich es tun. Heute werde ich es tun!

Im Ritz kippte ich mir noch schnell einige weitere dieser Drinks herunter, denn ein bißchen Mut dazu mußte ich mir schon machen. Das hat übrigens kaum einer mitbekommen, denn als erfahrener Alkoholiker hat man so seine Tricks, wie man trinken kann, ohne daß dies jemand merkt.

Im Hotel Ritz war es dann ruhig geworden. Von den Kirchentürmen kündeten die Glocken die Mitternacht. Geisterstunde! Am hinteren Eingang des Ritz wartete eine schwarze Limousine. Starker Motor, Mercedes-Benz-280-S, eines der besten Kraftfahrzeuge dieser Welt. Ideal für die kommende Fahrt. Auch dieses Hotel Ritz mit seinem Hinterausgang. Für eine Weltstadt wie Paris - gar keine schlechte Adresse als Ausgangspunkt für die geplante Reise!

Als Reisebegleitung steigen in die schwarze Limousine ein:

- Lady Di, durchaus attraktive Mutter des zukünftigen Herrschers über England und exkönigliche Hoheit. Zudem sehr geschätzt von der ganzen Regenbogenpresse einschließlich aller Leute, die sie lesen.

- Dodi al-Fayed, ihr neuer Liebhaber. Sohn und alleiniger Erbe des steinreichen Besitzers vom Hotel Ritz in Paris und einiger anderer Kleinigkeiten in England, sowie schließlich noch

- Trevor Rees-Jones, einer der Aufpassertypen vom Dodi.

Vollgetankt bis zum Hals, aber das Gehirn scharf wie ein Messer klemme ich mich also hinter das Steuer der schwarzen Limousine. Der Schrei einer Eule dringt durch die Nacht. Der Motor läuft. Die schwarze Limousine setzt sich in Bewegung. Zuerst majestätisch langsam, dann zunehmend schneller und schneller. Die hohen Herrschaften wollen ihre Ruhe haben und ins Bett. In dasselbe natürlich. Es heißt sie wären verliebt.

Die nächtlich beleuchteten Straßen von Paris gleiten vorbei. Paris by night - oh du wunderbare Geliebte und Hure! Rasch geht es über die Place de la Concorde zur Seine hinunter, dann in einer scharfen Kurve nach rechts und weiter entlang der Quais. Die Paparazzi auf ihren Motorrädern folgen. Für eine gebührende Medienbeachtung wäre also gesorgt.

Um die Paparazzi abzuschütteln, mahnen die Herrschaften von hinten zu größerer Eile. Mir kann das nur recht sein. Geschwindigkeit war doch schon immer der beste Garant zum Erfolg. Paris fliegt vorbei. Links die Seine mit ihren glitzernden Lichtern, rechts der Grand-Palais aus dem letzten Jahrhundert.

Und da ist er schon, dieser Tunnel unter der Place de l'Alma. Die Reihe der Stützpfeiler aus Beton auf der linken Seite ist sehr beeindruckend und mir schon seit Jahren bekannt.

Fast wäre die ganze Sache noch zum Platzen gekommen. Tauchte doch im Einfahrtsbereich dieser Unterführung ganz unprogrammgemäß ein blöder Fiat Uno auf, dahinschleichend und beide Fahrspuren besetzend. Was blieb mir also übrig. Von über 150 km/h mußte ich auf etwa 80 herunterbremsen, bevor dieser Uno mich vorbeiließ. Vollkommen glatt ging es dabei nicht ab, rieselte doch so einiges "Autolametta" auf die Straße. Aber was soll's - vorbei kam ich trotzdem. Durch Herunterschalten und mit aufheulendem Motor konnte ich die alte Geschwindigkeit wieder erreichen. Und nunmehr diese Reihe von Stützpfeilern auf der linken Seite.

Eins-zwei-drei. Für dieses Ereignis wären eigentlich griechische Säulen geeigneter gewesen. Aber was soll's - im Leben kann man sich nicht immer alles aussuchen!

Vier-fünf-sechs. Wie doch so ein Leben kurz ist. Kaum hat es begonnen, ist es schon wieder vorbei. Ha-ha-ha, komisch, wirklich komisch! Was wohl der hohe Boss vom Ritz für ein Gesicht machen wird? In seiner Haut möchte ich nicht stecken! Oder dieser Charly in England? Schweinehunde, alles Schweinehunde!

Sieben-acht-neun. Jetzt mit der Geschwindigkeit etwas herunter! Sonst kriege ich im entscheidenden Moment nicht die Kurve nach links. Mit dem Wagen zur Mitte der Fahrbahn, damit sich dann im weiten Bogen mein, dein, unser aller Ziel anpeilen läßt. Diese Wichser da hinten - einfach zu blöd, um zu wissen, was da abläuft!

Zehn-elf-zwölf. Gott sei Dank, das wäre geschafft. Nur ruhig Blut und die Kurve! Da steht er ja - mein Freund, der Stützpfeiler 13! Gerade auf ihn zu! Wir sind am Ziel! Hurrah!

Krach! Was für ein Abgang! Perfektion bis ins letzte Detail und mit königlicher Begleitung! Es war schon immer angenehm gewesen, mit Königen zu verreisen. Auch wenn hier in diesem Fall der Weg in die Unterwelt führt. Glücklicherweise waren die Herrschaften nicht angeschnallt. Zum Hinüberrudern über den Styx sind derartige Riemen in der Regel etwas hinderlich.

Der Verlobungsring mit den vielen Diamanten war zu Boden gefallen. Di, Du Angebetete von der ganzen Welt, nun gehörst Du mir! Mir allein, dem Chauffeur der schwarzen Limousine. Im Reich der Toten werde ich Dein Heinrich sein. Ob diese Tussi sich in der Unterwelt ebenfalls so blöd anstellen wird wie hier auf der Erde? Diese Göttin der Wälder und Beschützerin der Jungfräulichkeit? Ha, ha, ha, daß ich nicht lache. Man wird es ja sehen!

Etwas schade, daß die blöden Paparazzi mit ihren Motorrädern sich nur um die Statisten dahinten im Auto kümmern. Typisch, ich, der Hauptakteur, werde vollkommen unbeachtet gelassen. Scheiß Paparazzi! In den Knast sollte man Euch alle stecken, wo Ihr hingehört. Polizei! Polizei! Reißt diesen Typen doch die Filme aus den Kameras. Nichtsnutze!

Über eines solltet Ihr Euch im klaren sein: All diese Blumen, welche demnächst in Bergen vor den Toren der Paläste von Kensington und Buckingham liegen werden, die gehören alle mir, mir dem Chauffeur der schwarzen Limousine oder was von derselben noch übriggeblieben ist. Sie gehören mir, mir, mir - auch dieser verdammte kleine weiße Teddybär!

In einer lauen Nacht in Paris lehnt sich das Wrack einer schweren Mercedes-Benz-Limousine mühsam an die rechtsseitige Begrenzungswand einer Straßenunterführung unterhalb der Place de l'Alma. Laut ertönt die Hupe. Ich, der Monsieur Henry Paul, ich war's!

VI

Um die vorhandene Thematik noch aus einer etwas größeren Distanz zu betrachten, ähnlich wie touristische Everest-Besteigungen entlang der sogenannten "Doofie-Route" scheinen neuerdings auch organisierte Gruppenüberquerungen des Styx immer mehr in Mode zu kommen. So schaltete beispielsweise ein etwas depressiver Pilot der Japan Airlines namens Seiji Katagiri im Jahre 1982 beim Landeanflug auf Tokyo die Triebwerke seiner DC-8 plötzlich auf Umkehrschub, was für das Weiterleben der 174 Personen an Bord mit entsprechenden Konsequenzen verbunden war. Ähnliches geschah kürzlich bei einer mit 104 Personen besetzten Boing 737 der indonesischen Fluglinie Silk Air, welche aus einer stabilen Flughöhe von 10 600 m ganz plötzlich senkrecht nach unten wegkippte und dabei Überschallgeschwindigkeiten erreichte, bevor sie ziemlich unsanft in einem Flußbett zum Stillstand kam. Das Erstaunliche an diesem Flug vom Dezember 1997 ist dabei, daß entsprechend einem Artikel in der Zeitschrift "Aviation Week" alle Aufzeichnungsgeräte sowohl für die Gespräche im Cockpit als auch für die Flug- und Triebwerksdaten vor dem eigentlichen Absturz, d.h. noch während des Normalflugs kurz hintereinander abgeschaltet worden waren, was einen willentlichen Eingriff darstellt, der nach Meinung der Experten auf einen ebenfalls willentlich ausgelösten Absturz schließen läßt.

Über das Thema eines Gruppenselbstmords mit Auslösung durch Einzelpersonen ist in der Fachliteratur leider nur sehr wenig zu finden. Möglicherweise besteht hier ein gewisser Nachholbedarf. Dem Autor drängt sich gelegentlich jedoch der Eindruck auf, als ob der ganze Zweite Weltkrieg eigentlich nur ein von der Person Adolf Hitler für sich und diverse Bevölkerungsgruppen verordneter kollektiver Selbstmord war. Wie wir alle wissen, hatte diese weltpolitische Inszenierung dann auch ganz vorzüglich geklappt, nur mit dem kleinen Nachteil allerdings, daß die betreffenden Bevölkerungsgruppen aus ganz verständlichen Gründen damit gar nicht so recht einverstanden waren.

Zumindest was die Anzahl der Mitreisenden betrifft, ist unser Herr Henry Paul sicherlich etwas bescheidener gewesen. Wir alle sollten es ihm danken.

Halt, bevor ich es ganz vergesse - bei seiner Fahrt durch das nächtliche Paris hatte der Lenker der schwarzen Limousine 12 500 Francs in französischer Währung mitgenommen. Zum Einkauf einer Dose Schappi für den zähnefletschenden Zerberus am Eingang des Hades dürfte dies allemal noch gereicht haben.

München, den 27. März 1998

Nachtrag (einige Monate später)

Eigentlich wollte ich den Satz "Wir sind am Ziel-hurrah!" in "Hurrah, wir sind in Salzburg!" ändern. Leider hätte das aber niemand verstanden. Also habe ich den Satz stehen lassen wie er ist.

Wer immer gegenüber meiner Story weiterhin skeptisch sein sollte, möge nachfolgendes beachten:

1) In Frankreich ist die Selbstmordrate mit 21,3 Fällen pro Jahr und 100 000 Einwohnern mit am höchsten in ganz Europa, was ich zwar nicht so ganz verstehe, aber eine Tatsache ist.

2) In der heutigen Zeit werden Kraftfahrzeuge immer mehr als Selbstmordinstrumente eingesetzt, wobei zu bemerken wäre, daß es in diesem Bereich eine ganz gewaltige Dunkelziffer geben soll.

3) Im darauffolgenden Mai 1998 fand erneut eine Art von "organisierter Überquerung des Styx" in einer Dreiergruppe statt, an welcher ein Typ der Schweizergarde namens Cedric Tornay, sein Chef namens Alois Estermann und dessen Frau Gladys beteiligt waren. Die Sache war dabei insoweit eindeutig, weil in diesem Fall als Instrument ein Revolver verwendet wurde.

Und noch etwas: wenn jemand "die Leine ziehen" will, dann verwendet er in der Regel das, mit dem er am besten vertraut ist:

- wer ein Leben lang Schlaftabletten frißt, schluckt dieses Zeug,

- wer ein Waffennarr ist, stopft sich den Lauf von so einem Teil in den Mund,

- wer immer mit U-Bahnen und/oder Eisenbahnen herumfährt, wirft sich am Ende vor die Schienen, und

- wer viel mit Drogen herummacht, der setzt sich am Ende den goldenen Schuß.

Und jetzt werden Sie wahrscheinlich verstehen, was unter einem "goldenen Lenkrad" wirklich zu verstehen ist. (Man meide Fahrzeuge mit goldenen Lenkrädern, weil man die andauernd klaut und weil sie möglicherweise eine etwas vorgezogene Abreise in die Ewigkeit bedeuten könnten.

Noch ein allerletzter Hinweis: Einen in Paris lebenden Freund hatte ich gebeten, daß er mir einen Grundrißplan der Place de l'Alma von dem Baureferat in Paris besorgen solle, was derselbe dann auch tat. Hier ein Ausschnitt aus diesem Plan:

Auf dem Pariser Baureferat wurde meinem Freund übrigens mitgeteilt, daß er die erste Person sei, die einen derartigen Plan angefordert habe. Daran sieht man wieder einmal, wie schlampig unsere Zeitungsleute arbeiten: Die ganze Zeit über ein lautes Gedöhns und am Ende war man derart faul, daß man sich nicht einmal die Mühe machte, um sich einen maßstabsgerechten Plan des Ortes des Geschehens zu beschaffen.